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Sexuelle Übergriffe an Kindern und Jugendlichen in der Schweiz

Sexuelle Übergriffe an Kindern und Jugendlichen in der Schweiz

Kinder sind unsere Zukunft, sie verdienen besonderen Schutz. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass ihre Rechte gewahrt werden, und er ist gemäss der UNO-Kinderrechtskonvention insbesondere auch dazu verpflichtet, Minderjährige vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Leider gelingt dies nicht immer. Fachleute schätzen, dass hierzulande 20 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen schon mindestens einmal einen sexuellen Übergriff erlebt haben. Gesicherte Daten über die tatsächliche Verbreitung, die Formen, Umstände und mögliche Folgen sexueller Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche existieren bis heute aber kaum.
Die UBS Optimus Foundation hat sich zum Ziel gesetzt, daran etwas zu ändern und den Schutz Minderjähriger vor sexuellen
Übergriffen langfristig und nachhaltig zu verbessern. Sie hat hierzu die Optimus Studie initiiert, ein international ausgerichtetes,
auf zehn Jahre angelegtes wissenschaftliches Grossprojekt. In verschiedenen Ländern sollen endlich repräsentative Daten über die Verbreitung und Formen sexueller Übergriffe an Kindern und Jugendlichen erhoben und mit den Angaben von Kinderschutzorganisationen im betreffenden Land verglichen
werden.

So lassen sich die wesentlichen Lücken im jeweiligen Kinderschutzsystem erkennen und basierend darauf wirkungsvollere Präventions- und Interventionsstrategien erarbeiten. Hierzu will die UBS Optimus Foundation eng mit allen wichtigen Akteuren im Kinderschutzbereich zusammenarbeiten, politische Entscheidungsträger, Kinderschutzfachleute, Lehrpersonen, Eltern und Kinder informieren und neue Plattformen schaffen, um Informationen und Ideen auszutauschen.
Datenerhebungen in der Schweiz und in China
Der erste Zyklus dieses Langzeitprojekts ist nun abgeschlossen, in China und in der Schweiz wurden Daten erhoben. Die vorliegende Publikation gibt einen Überblick über die wichtigsten Resultate der Optimus Studie Schweiz. Über 6700
Schülerinnen und Schüler der neunten Regelklasse gaben Auskunft über ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen, über Folgen, unter denen sie möglicherweise leiden, über die Tatumstände, Täter und Täterinnen und über ihre persönlichen
Lebensverhältnisse. Zudem übermittelten 324 Institutionen aus dem Bereich des Kinderschutzes Informationen über die ihnen gemeldeten Fälle. So entstand das bisher wohl vollständigste Bild über Verbreitung und Formen sexueller Übergriffe gegen Minderjährige in der Schweiz.

Resultate
Leider wurden die oben erwähnten Annahmen von Fachleuten bestätigt. So gaben in der Schülerbefragung 22 Prozent der Mädchen und 8 Prozent der Jungen an, schon mindestens einmal einen sexuellen Übergriff erlebt zu haben, bei dem es zu körperlichem Kontakt kam. Ebenfalls zeigte sich, dass Übergriffe über elektronische Medien unter Jugendlichen ein weit verbreitetes Phänomen sind. 9,5 Prozent der Jungen und 28 Prozent der Mädchen sagten, sie seien schon auf diese Art und Weise sexuell belästigt worden.

Viele erleben aber nicht nur einmal sexuelle Übergriffe, sondern immer wieder. 27 Prozent der Mädchen und 33 Prozent der Knaben sagten, sie seien schon fünfmal oder noch öfter Opfer geworden.

Vieles deutet darauf hin, dass das Elternhaus und das soziale Umfeld, in dem sich Jugendliche bewegen, dabei eine wichtige Rolle spielen. Schülerinnen und Schüler, bei denen zu Hause ein harscher Umgangston herrscht oder die gar Misshandlungen ausgesetzt sind, werden auch häufiger Opfer sexueller Gewalt. Sie bewegen sich öfter in einem gewaltbereiten Freundeskreis und pflegen einen Freizeitstil, in dessen Rahmen es eher zu sexuellen Übergriffen kommen kann, beispielsweise durch regelmässigen Alkohol- und bzw. oder Drogenkonsum oder häufiges Surfen im Internet. Jugendliche erleben sexuelle Übergriffe häufiger durch etwa Gleichaltrige als durch Familienmitglieder – dieses erstaunliche Resultat ergibt sich sowohl aus der Schülerbefragung als auch aus der Institutionenumfrage.

Fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler, die schon einmal Opfer eines sexuellen Übergriffs mit Körperkontakt wurden, sagten, der Täter oder die Täterin sei ein aktueller oder ehemaliger Liebespartner oder ein Date gewesen. Folgen von sexuellem Missbrauch Opfer sexueller Übergriffe entwickeln häufiger psychische Folgestörungen. In der Optimus Studie wurden Anzeichen
ür posttraumatische Belastungsstörungen sowie für Internalisierungs- und Externalisierungsprobleme gemessen. Jene Jugendlichen, die angaben, schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt zu haben, erreichten auf diesen Skalen überdurch schnittlich hohe Werte. Viele Opfer sexueller Übergriffe suchen aber keine professionelle Hilfe. Die meisten wenden sich, wenn sie überhaupt darüber sprechen, an Freunde und Familienangehörige. Nur wenige kontaktieren offizielle Beratungsstellen, Ärzte oder die Polizei.

Expertenkommentare
Viele Ergebnisse der Optimus Studie Schweiz decken sich auch mit den persönlichen Erfahrungen von Fachpersonen, die täglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, sei es an der Schule, im Kinderspital, in der Jugendarbeit, in der Tätertherapie, in Prävention und Intervention oder in der Beratung. 15 von ihnen wurden für diese Publikation darum gebeten, die wichtigsten Resultate zu kommentieren und mit ihrem persönlichen Arbeitsalltag in Zusammenhang zu bringen. Ihre Schilderungen und Einschätzungen illustrieren die konkreten Umstände, unter denen es zu Übergriffen kommen kann, und sie geben einen vertieften Einblick in die Sorgen und Nöte von Opfern, aber auch von jugendlichen Sexualstraftätern.

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